Bin ich ein Coach? Ist es Coaching, was ich hier anbiete? Das ist schwer zu sagen. Ich selbst verwende diese Begriffe nicht gerne. Coaching ist „ein schillerndes Modewort für traditionelle Lern-, Trainings- und Beratungsaktivitäten“ – so formuliert es Wikipedia im Artikel über Coaching. Coaching ist kein geschüzter Begriff. Jeder und Jede darf sich Coach nennen und Coaching anbieten, ob mit Ausbildung, Zertifikat oder ohne. Als Kunde ist es wichtig, das zu wissen. Was man erhält, ist einzig abhängig von den Ansichten und Ideen des Anbieters.
Ansichten und Ideen habe auch ich. Eine Coaching-Ausbildung nicht. Auch das sollte wissen, wer hier liest. Wer nach einem Coach sucht, der ein Arsenal an zertifizierten Methoden bereithält, der ist hier falsch. Es gibt diese Anbieter zuhauf, und sehr viele von ihnen leisten hilfreiche und nützliche Arbeit. In dieser Form kann und will ich das aber nicht bieten. Zu sehr schrecke ich vor etablierten Methodiken zurück. Ich bin lieber frei unterwegs und vertraue auf Menschenverstand und Einfühlungsvermögen in jeder konkreten Situation.
Keine Ausbildung als Coach, kein Zertifikat, keine ausgearbeitete Methodik – was also kann ich in den Ring werfen?
Ich höre zu und stelle Fragen. Mehr biete ich hier gar nicht an. Das scheint nicht viel zu sein, doch beides scheint mir Mangelware zu sein in unserer Gesellschaft. Ich bin überzeugt, dass es viele Menschen gibt, die völlig allein stehen mit ihren Gedanken, die niemanden haben, dem sie sich anvertrauen können mit Lebensfragen oder Entscheidungsnöten. Vor allen Dingen niemanden, der in der Lage ist, wirklich zuzuhören, der hinter die Worte blickt, der versucht den Kern zu ergründen. Denn das ist eine Kunst, die nicht viele beherrschen.
Wann immer ich in Gesellschaft bin und wann immer sich daraus ein Zweiergespräch ergibt, bin ich in der Rolle des Zuhörers. Ganz automatisch. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein introvertierter Mensch bin und selbst nicht viel rede. Jedenfalls scheint mein Gegenüber eine Signallampe auf meiner Stirn zu sehen, die sagt: „Rede, ich höre zu“. Diese Lampe ist Segen und Fluch gleichermaßen. Immer der Zuhörer zu sein, ist anstrengend. Dass ein Gespräch so oft ein Monolog ist, der mich ungefragt überflutet, ist manchmal sehr enttäuschend. Das ist der Fluch an der Sache. Der Segen ist der, dass mein Zuhören anderen oft weiterhilft – was dann auch mich wiederum erfreut. Denn nicht immer handelt ein Monolog nur von Urlaubserlebnissen oder Computerproblemen. Erstaunlich oft schüttet mir jemand wirklich sein Herz aus. Dann kann ich die Nöte in meinem Gegenüber förmlich spüren und auch die Magie des Moments. Dann wird mir bewusst, dass es eine Ehre ist, an großen Fragestellungen teilhaben zu dürfen. Wenn das kein Segen ist.
Ich bin gern der Zuhörer (außer bei Urlaubserlebnissen oder Computerproblemen, Smalltalk also). Ich denke gerne mit, wenn sich jemand Gedanken über sein Leben macht. Gleichzeitig bin ich jemand, der immer alles verstehen möchte. Wenn etwas nicht sonnenklar ist, bin ich unzufrieden und kann auch nicht mehr folgen. So fallen mir als Außenstehender schnell all die Widersprüche und Ungereimtheiten auf, die man mir entgegenbringt. Und so frage ich nach, bis ich verstanden habe. Das können einfache Verständnisfragen sein, aber auch unbequeme, die an die Substanz gehen. In jedem Falle nötigen sie zum genauen Nachdenken und auch zum Beachten all der Dinge, die bisher vielleicht unberücksichtigt blieben. Und so höre ich oft Sätze wie „Das ist eine gute Frage“ oder „Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht“ oder einfach nur ein nachdenkliches „Hm“.
Wie es in vielen Coaching-Richtungen üblich ist, gebe ich keine Ratschläge. Auch Vorschläge mache ich nur selten. Vielmehr versuche ich, der Person mir gegenüber eigene Ideen zu entlocken. Wenn es um Lebensfragen geht, sollte die betreffende Person immer voll und ganz hinter den Entscheidungen stehen. Auf jeden Fall vermeide ich, jemanden in eine Richtung zu drängen, die mir richtig erscheint. Auch nach noch so intensiven Gesprächen bin ich jemand von außerhalb, und niemals kann ich alle Fakten und Hintergründe kennen. Den richtigen Weg finden – das muss der Mensch, den ich kurz begleite, ganz von allein und in eigener Verantwortung leisten – ganz so wie die Maus in der Geschichte der springenden Maus. In dieser Hinsicht unterscheide ich mich nicht von den meisten anderen Coaches auf der Welt.
Und bin ich nun ein Coach? Ist es denn jetzt Coaching, das ich hier anbiete? Was weiß denn ich! Was mich auszeichnet und was ich tue, habe ich beschrieben. Wer einen zertifizierten Coach sucht, wird darüber vermutlich nur lachen. Aber ich glaube, dass es Menschen gibt, die eine Abneigung gegen den etablierten Coaching-Mainstream haben oder mit mancherlei Methodik nur schwer umgehen können. Ich glaube, viele suchen einfach nur einen Menschen, der sie begleitet – wie es Menschen überhaupt gegenseitig tun sollten: sich begleiten. Somit nenne ich mich lieber einen Begleiter als einen Coach, und was ich tue, ist eher ein kleines Stückchen Mitgehen als ein Coaching.
Und was kostet es, wenn ich jemanden beleite? Gerade eben schrieb ich noch: „... wie es Menschen überhaupt gegenseitig tun sollten: sich begleiten.“ Ja, tatsächlich wäre es mir so am Liebsten: Ich helfe jemandem und alle freuen sich darüber – fertig. Doch leider funktioniert unsere Welt so nicht. Vielmehr gilt: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Außerdem verwende ich meine Zeit für jemand anderes Belange – Zeit, die ich für keine meiner eigenen Tätigkeiten mehr verwenden kann. So habe auch ich mich dazu entschlossen, Geld für meine Dienstleistung zu nehmen. Wieviel? Da bin ich nicht festgelegt. Wichtig ist mir tatsächlich nur, dass ich keinen schlechteren Brutto-Stundenlohn erhalte, als der- oder diejenige, den oder die ich begleite, in der eigenen beruflichen Tätigkeit erhält. Ein Aktiengesellschafts-Vorstandsmitglied wird also deutlich mehr bezahlen als eine Raumpflegekraft derselben Aktiengesellschaft :-)
Ein erstes Gespräch aber, das über die Sinnhaftigkeit weiterer Gespräche Klarheit schaffen soll, ist in jedem Falle kostenlos. Niemand sollte einen Coach im Sack kaufen!